Tausend Bahnen im Kopf  und trotzdem rufe ich Unglaubliches ins Leben

Tausend Bahnen im Kopf und trotzdem rufe ich Unglaubliches ins Leben

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Ich bin aufgewacht, und mein Kopf war schon längst wach.

Noch bevor ich die Augen richtig aufhatte, liefen da drinnen schon Gespräche. Ideen. To-dos. Ein Satz, den ich gestern nicht zu Ende gedacht habe. Ein Lied. Die Erinnerung an irgendetwas Kleines, das ich vergessen habe und das Gefühl, dass ich deswegen schon wieder „zu spät“ bin, obwohl der Tag noch gar nicht angefangen hat.

So fühlt sich ADHS bei mir an. Nicht wie ein Drama. Nicht wie eine Katastrophe. Eher so, als stünde ich schon vor dem Frühstück im Wasser, mit tausend Bahnen im Kopf und dem Drang, jede davon zu schwimmen. Weil da vorne etwas auf mich wartet. Weil etwas lebendig ist. Weil meine Gedanken nie wirklich stillstehen.

Lange dachte ich, das sei ein Fehler.

Dass andere Menschen morgens aufstehen, sich anziehen, frühstücken und dann einfach funktionieren. Dass sie einen Gedanken nach dem anderen denken. Dass sie sitzen bleiben können, ohne dass der Körper schon drei Zimmer weiter ist. Dass sie einen Plan machen und ihn dann auch wirklich so durchziehen, wie er auf dem Papier steht.

Ich kann das auch. Manchmal. An manchen Tagen sogar richtig gut. Aber mein Weg dorthin sieht anders aus. Und genau das habe ich lange nicht verstanden.

ADHS ist bei mir kein einziges Symptom. Es ist, als wäre ich jeden Tag im Wasser: Mal finde ich meinen Rhythmus sofort, mal kostet mich jeder Zug Kraft.

Es gibt Tage, an denen ich so wach bin, dass ich zehn Dinge gleichzeitig anfange und jede dieser Bahnen etwas Wichtiges für mich bereithält. Ich merke Zusammenhänge, die andere erst viel später sehen. Ich spüre Stimmungen im Raum, bevor jemand etwas sagt. Ich kann mich in etwas verlieben, in eine Idee, in einen Menschen, in ein Projekt und zwar mit einer Intensität, die mich selbst überrascht.

Und es gibt Tage, an denen genau dieses Tempo mich aus der Puste bringt.

Dann will etwas in mir unbedingt passieren. Nicht irgendwann. Jetzt. Dann werde ich ungeduldig mit mir selbst. Dann wirkt der ganz normale Alltag plötzlich zu langsam, zu eng, zu laut und zu leise gleichzeitig. Dann verliere ich Dinge. Dann fange ich an und höre nicht auf. Oder ich höre auf, bevor ich überhaupt richtig angefangen habe. Dann lächle ich, obwohl innen Chaos ist. Dann funktioniere ich nach außen und innen ziehe ich Bahn um Bahn, ohne mir eine Pause am Beckenrand zu gönnen.

Ich habe gelernt, das nicht mehr als Charakterschwäche zu sehen.

Es ist meine Art, durchs Wasser zu kommen. Ich bin keine schlechte Schwimmerin, nur weil ich einen anderen Rhythmus habe. Manchmal ziehe ich meine Bahnen mit voller Kraft, manchmal muss ich Luft holen, bevor ich weiterschwimme. Ich lerne, meine Kräfte einzuteilen und zu erkennen, wann ich eine Pause brauche. Nicht, indem ich so tue, als wäre ich ein anderer Mensch. Sondern indem ich merke: Aha, da bin ich wieder. Das bin ich. Jetzt brauche ich Achtsamkeit, nicht Scham.

Wie man sich verhält und warum das kein Vorwurf ist

Menschen mit ADHS wirken oft widersprüchlich. Für Außenstehende. Manchmal auch für uns selbst.

Wir können stundenlang in etwas versinken und fünf Minuten später den Faden verlieren. Wir können enorm loyal sein und trotzdem Termine vergessen. Wir können brillant erklären und daneben den Schlüssel nicht finden. Wir können in einer Krise die ruhigste Person im Raum sein und bei einer einfachen Mail drei Tage brauchen.

Das sieht von außen manchmal aus wie Unzuverlässigkeit. Wie Unreife. Wie „die will einfach nicht“.

Von innen fühlt es sich an wie: Ich will sogar besonders. Ich will so sehr, dass mein System überläuft.

Viele von uns arbeiten doppelt so viel wie andere und bekommen trotzdem öfter zu hören, dass wir falsch ticken. Zu laut. Zu empfindlich. Zu chaotisch. Zu viel. Zu wenig fokussiert. Zu emotional. Zu impulsiv. Zu anders.

Ich kenne diesen Satz in mir: Mit dir stimmt etwas nicht.

Der Satz ist alt. Der kommt oft aus der Schule, aus Blicken, aus dem Gefühl, dass alle dieselbe Bahn schwimmen sollen. Gleicher Stil. Gleiches Tempo. Dieselben Längen, immer schön an der Leine entlang. Wer den Kopf hebt, wer die Bahn wechselt, wer mehr Wasser bewegt als vorgesehen, gilt als Problem.

Aber das Problem war nie, dass ich Schwimmerin bin.

Das Problem war die Erwartung, dass jede von uns dieselbe Bahn ziehen muss nämlich ruhig, gerade, unauffällig, ohne Spritzer.

Ich ziehe Bahnen. Nur eben nicht eine. Ich bin im Wasser und sehe nicht nur eine einzige Bahn vor mir. Oft sehe ich gleich mehrere. Manchmal sieben auf einmal. Von außen sieht das aus wie Unruhe. Von innen ist es Rhythmus. Kraft. Vorwärtskommen auf eine Art, die nicht ins Schema passt und trotzdem ans andere Beckenende führt.

Es ist gar nicht so schlimm. Es ist menschlich.

Ich will ADHS nicht schönreden. Es gibt Tage, an denen es anstrengend ist. An denen ich erschöpft bin, weil mein Kopf so viel mit sich herumträgt. An denen ich merke, dass ich zu viel auf einmal will. An denen ich mich verstelle, lächle, mitziehe und hinterher nicht weiß, wo ich selbst geblieben bin.

Aber ich weigere mich auch, daraus eine Tragödie zu machen.

Es ist nicht schlimm, ADHS zu haben.

Es ist schlimm, jahrelang zu glauben, man müsse sich erst „normal“ machen, bevor man leben darf.

Es ist schlimm, wenn man sich selbst nur durch die Augen einer Welt sieht, die für andere Denkweisen gebaut wurde.

Es ist schlimm, wenn Unterschiedlichkeit pathologisiert wird, statt verstanden.

ADHS ist nichts, womit ich mich schmücke, um besonders zu wirken. Und es ist auch kein Makel, den man wegtherapieren muss, bis ein anderer Mensch übrig bleibt. Beides greift zu kurz. Die Wahrheit liegt dazwischen, und sie ist viel lebendiger:

Ich bin, wie ich bin. Auch im Wasser.

Niemand sucht sich das aus. Niemand muss sich dafür entschuldigen. Und niemand wird durch zehn Jahre Anpassung zu jemand anderem. Wer seinen eigenen Schwimmrhythmus hat, wird nicht dadurch glücklich, dass er jahrelang versucht, die Züge der anderen nachzumachen. Auch nicht, wenn die ganze Umgebung findet, eine einzige gerade Bahn sei praktischer.

Zieh deine Bahnen.

Das klingt einfach. Es ist es nicht. Aber es ist das Befreiendste, was ich in letzter Zeit wirklich gespürt habe.

Jeder ist, wie er ist

Ich glaube nicht mehr an dieses eine „Normal“.

Es gibt Menschen, die in ruhigen Bahnen denken. Die Strukturen lieben. Die eine Bahn beenden, bevor sie die nächste beginnen. Die in Systemen aufblühen, die für sie gemacht sind. Das ist schön. Das ist auch eine Art, Mensch zu sein.

Und es gibt uns.

Menschen, deren Gedanken springen. Die am Rand der Bahn Möglichkeiten sehen, die andere übersehen. Die Langeweile kaum aushalten, dafür aber in Bewegung ganze Welten entstehen lassen. Die zu intensiv lieben, zu schnell spüren, zu weit denken. Die chaotisch wirken und innerlich hochpräzise sind. Die Wasser schlucken, auftauchen, weiterschwimmen und genau dadurch eine Widerstandskraft bekommen, die man nicht lernen kann, wenn das Wasser immer ruhig bleibt.

Jeder ist, wie er ist.

Das ist kein Spruch für Instagram. Das ist eine Entscheidung. Eine Haltung. Eine Art, sich selbst nicht mehr zu bekriegen.

Ich muss nicht funktionieren wie die anderen, um wertvoll zu sein.
Ich muss nicht leiser werden, um dazuzugehören.
Ich muss nicht meine Intensität wegmachen, damit sich jemand bequemer fühlt.

Ich darf Strategien haben. Pausen. Hilfen. Struktur, wo sie mir dient. Unordnung, wo sie mich atmen lässt.
Ich darf merken, wann es zu viel wird nicht als Niederlage, sondern als Weisheit.

Selbstannahme heißt für mich nicht: Alles ist immer easy.
Selbstannahme heißt: Ich höre auf, mich zu zwingen, die Bahnen anderer zu schwimmen.

Was ich mit ADHS ins Leben gerufen habe

Wenn ich ehrlich bin, ist das der Teil, der mich am meisten berührt.

Alles, was ich geschaffen habe, verdanke ich diesem Kopf. Meinem eigenen Schwimmrhythmus. Dieser Energie. Diesem ADHS.

Ich mache im Grunde sieben Jobs auf einmal. Nicht als Pose. Nicht, weil ich beweisen will, dass ich „funktioniere“. Sondern weil ich auf mehreren Bahnen zugleich zu Hause bin. Weil ich Multitalent bin und das nicht trotz ADHS, sondern durch ADHS. Ideen, Gestaltung, Menschen, Organisation, Vision, Alltag, das nächste Projekt, das schon anklopft, während das jetzige noch atmet. Andere würden sich eine Sache aussuchen. Ich schwimme mehrere Bahnen gleichzeitig. Und irgendwann ist aus dem Ziehen der Bahnen ein richtiges Leben geworden.

Buntesgraudesign ist heute ein richtiges Unternehmen. Voll von Kreativität. Voll von Farbe, Haltung, Arbeit, Mut. Das ist nicht nebenbei passiert. Das steckt voller ADHS-Energie. Das bin ich, in Form gebracht. Ohne diese Kraft, ohne dieses ständige Weiterdenken, ohne diese Fähigkeit, vieles gleichzeitig zu halten und trotzdem etwas Schönes daraus zu machen, gäbe es das so nicht.

Ich hätte das alles nicht schaffen können, wenn ich nicht so wäre.

Nicht, wenn mein Kopf stiller wäre.
Nicht, wenn ich nur eine Bahn gezogen hätte.
Nicht, wenn ich mich klein genug gemacht hätte, um in ein normales Pensum zu passen.

Meine Psychologin und Freundin hat einmal zu mir gesagt, dass nur Menschen wie ich das schaffen, was ich geschafft habe. Mit all meiner Vielseitigkeit, mit meinem Fleiß und mit der Kraft, immer weiter meine Bahnen zu ziehen.

Den Satz trage ich in mir. Nicht als Druck. Als Spiegel. Als Erlaubnis, endlich das zu glauben, was ich innerlich schon lange spüre: Diese Art zu sein ist kein Makel. Sie ist mein eigener Rhythmus im Wasser.

Wir können Unglaubliches ins Leben rufen.

Nicht obwohl wir ADHS haben.
Sondern mit genau diesem Nervensystem.

Mit dieser Sehnsucht, meine Bahnen mit Sinn zu füllen.
Mit diesem Blick für das Wesentliche, auch wenn das Wasser unruhig ist.
Mit dieser Fähigkeit, selbst im bewegten Wasser Möglichkeiten zu sehen.
Mit dieser Energie, die mich Bahn um Bahn vorwärtsbringt.
Mit dieser Empfindsamkeit, die andere oft als zu viel empfinden und die in Wahrheit eine Form von Intelligenz ist.

Ich kenne das in mir: Wenn etwas mich wirklich berührt, dann bin ich nicht nur dabei. Dann bin ich ganz da. Dann kann ich geben, denken, fühlen, bauen, trösten, erfinden, verbinden. Dann wird aus Unruhe Schöpfung. Aus Unruhe wird Leben. Aus Unruhe wird ein Unternehmen. Aus Unruhe wird Buntesgraudesign. Aus Unruhe werden sieben Bahnen, die ich mit meiner eigenen Kraft ziehen kann.

Natürlich brauche ich dafür Raum. Natur. Bewegung. Menschen, die mich nicht in ihre Bahn zwingen, sondern verstehen. Arbeit, die nicht nur Gehorsam belohnt, sondern Eigenheit. Tage, an denen weniger Kontrolle mehr hilft. Nächte, in denen ich aus dem Wasser steigen und ausruhen darf. Die Ehrlichkeit, Hilfe anzunehmen, ohne mich als defekt zu fühlen.

Aber der Kern bleibt:

Wir sind nicht zu viel.
Wir sind eine andere Art von genug.

Was ich mir merken will

Wenn ich im Kopf wieder tausend Bahnen gleichzeitig ziehen will, möchte ich nicht als Erstes denken: Stell dich nicht so an.

Ich will denken: Da bist du.

Wenn ich wieder schneller schwimme als die Menschen um mich herum, will ich nicht glauben, mein Tempo sei ein Fehler. Ich will lernen, meinen Atem zu finden und meine Kräfte einzuteilen.

Wenn ich wieder das Gefühl habe, ich müsste mich kleiner machen, will ich mich erinnern: Die Welt ist nicht der Maßstab für meine Würde.

Wenn ich wieder lächle, obwohl es innen laut ist, will ich irgendwann merken, dass ich das Lächeln nicht als Schutz brauche. Dass ich auch unmaskiert sein darf. Unperfekt. Lebendig. Echt.

Und wenn jemand ADHS nur als Defizit erzählt oder nur als Superpower dann will ich beides nicht mehr haben.

Ich will die ganze Geschichte.

Die anstrengende.
Die schöne.
Die merkwürdige.
Die kraftvolle.

Ich will ein Leben, das zu mir passt. Nicht ein Ich, das sich passend macht.

Vielleicht ist das das eigentliche Geschenk dieser Art zu sein: Wir spüren früh, dass Anpassung nicht dasselbe ist wie Ankommen. Dass Funktionieren nicht dasselbe ist wie Lebendigsein. Dass „richtig“ oft nur bedeutet: so, wie es die Mehrheit gerade bequemer findet.

Ich bin, wie ich bin.
Du bist, wie du bist.
Und das ist nicht das Problem.

Das ist der Anfang.

Von hier aus können wir Dinge ins Leben rufen, die eine Welt, in der alle dieselbe Bahn ziehen sollen, nie gedacht hätte. Weil wir nicht nur eine Bahn sehen. Weil wir fühlen, bevor wir sortieren. Weil wir trotz allem weiterschwimmen. Weil in uns Kraft steckt, die nicht verschwindet, nur weil jemand das Becken zu klein gebaut hat.

ADHS ist nicht schlimm.

Verkehrt herum zu leben, schon.

Also bleibe ich Schwimmerin.
Ich ziehe meine Bahnen.
Manchmal sieben auf einmal.
Mit all diesen Bahnen im Kopf.
Mit zu vielen Gedanken vor dem Frühstück.
Mit einem Herzen, das zu voll ist für ein zu kleines Leben.
Mit einem Unternehmen, das es nur gibt, weil ich so bin.

Eure Miriam

2 Kommentaren

Kathrin

Danke für diesen tollen, ehrlichen Text. Ich habe selbst kein ADHS, habe jedoch einen netten Kollegen der mit seinem ADHS hadert. Manchmal wird er im Team nicht verstanden. Dein Text ist hier eine riesige Hilfe. Danke ❤️

Alexandra Krauch

Liebe Miriam,
Danke für deine Worte. Ich weiß nicht ,ob ich ADHS habe. Es ist vermutlich auch nicht wichtig. Ich hab mich jedenfalls, in deinen Worten wiedergefunden. Ich möchte mich so gerne akzeptieren wie ich bin und manchmal gelingt mir das und dann beginne ich zu vergleichen….und das ist der Anfang vom Zweifeln…leider macht Insta das nicht besser. Ich werde versuchen meine Bahnen zu schwimmen. ….Danke.
Liebe Grüße
Alexandra

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